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Adrien Vescovi – Jours de lenteur, vue de l'exposition, Casino Luxembourg – Forum d'art contemporain, 2022. Photo : Marc Domage

Jours de lenteur

Künstler*in(nen)
Adrien Vescovi
Kurator*in(nen)
Stilbé Schroeder

In seinem Atelier in Marseille finden wir Pigmente, Waschmaschinen, Farbtöpfe, in denen Textilien gebadet werden, rostige Stahlstangen und hängende Leinwände, die darauf warten, nach dem Schneiden und Nähen mit anderen zusammengefügt zu werden. Gedacht und komponiert wie Gemälde, werden sie dann in Räumen aufgehängt, wo sie mit ihrer Umgebung agieren. Mitten in der Natur, wo sie von den Elementen und der Witterung imprägniert werden; in Innenräumen, wo diese Leinwände und ihre Anordnung auf die Architektur des Ortes reagieren.

Größe und Verletzlichkeit treffen im Werk von Adrien Vescovi aufeinander wie zwei dissonante Töne, in Einklang gebracht in einem Raum, der bewusst flauschig gestaltet, safe, entsättigt ist. Die Dimensionen, in dem Vescovi seine Gemälde konzipiert, sind zwar immens, wirken aber nie übertrieben. In einem so großen Maßstab zu arbeiten, bedeutet, im Maßstab der Natur selbst zu arbeiten, impliziert aber auch, mit Knappheit klarkommen zu müssen, ob in räumlicher oder in emotionaler Hinsicht. Vescovi geht es darum, sich dem vorgegebenen Rahmen der Malerei zu entziehen oder diesen zu sprengen, um sich in einem Prozess zu verlieren, der definitionsgemäß nicht vollständig kontrolliert werden kann. Der Zufall sowie flüchtige und primitive Phänomene werden dabei von ihm nicht einfach nur berücksichtigt, sondern vielmehr heraufbeschworen. Rost, Ocker, Mintgrün, verwaschenes Gelb: Seine „Landschaftssäfte“, wie er sie nennt, fangen das mediterrane Relief in seiner erdigsten Form ein. 

Wie also könnte man in der kuscheligen und formbaren Monumentalität dieser Werke nicht auch einen Versuch erkennen, die Rauheit des städtischen Umfelds zu mildern? Die an der gesamten Nordfassade des Casino Luxembourg auf einer Fläche von 14 mal 38 Metern aufgehängten Bilder sind dem Wind und den Elementen ausgesetzt. Dem „armen“ Material gelingt es, die Kanten abzurunden, die Augen ruhen zu lassen und die Risse zu veredeln, wo auch immer sich diese befinden. 

Die gleiche Magie findet sich auch im ersten Stock. Dieser wurde in einen zeremoniellen Raum verwandelt, mit einem Gemälde, das wie eine große Picknickdecke auf dem Boden ausgebreitet ist und allein durch seine horizontale Ausrichtung das Verhältnis von Innen und Außen innerhalb der Ausstellung umkehrt. 

Adrien Vescovi (geboren 1981 und Absolvent der École supérieure d’art de l’agglomération d’Annecy) lebt und arbeitet seit 2017 in Marseille, nachdem er lange in den Bergen von Haute-Savoie praktiziert hat. Der Künstler erkundet mit zeitgenössischen Themen die Frage nach der freien Leinwand und der Malerei im architektonischen und natürlichen Maßstab neu. Die Bedeutung des Kontextes, in dem der Künstler seine Werke installiert, ist für ihn ein wesentlicher Faktor der Untersuchung. Adrien Vescovi komponiert Zeitlichkeiten, setzt Farben zusammen, die nach verschiedenen alchemistischen Verfahren aus Luft (Sonnen- und Mondstrahlen), Erde (Ocker und Pflanzen) und Feuer (Kochen, Aufgüsse) hergestellt werden. Seine Art zu nähen ist eine Art zu malen. Der Zufall ist sein Verbündeter. 

Vescovi hat seine Werke bereits in den Niederlanden, Belgien, Dänemark und Mexiko ausgestellt. Im Jahr 2021 nimmt er mit dem von Lilou Vidal unterzeichneten Projekt Bonaventure am 22. Preis der Fondation d’entreprise Pernod Ricard teil. Sein Werk wurde auch in einer ersten Einzelausstellung im Zentrum für zeitgenössische Kunst Le Grand Café in Saint Nazaire gezeigt und war im Pera Museum in Istanbul zu sehen.

Ausstellungen

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